Neues Leben von jenseits der Todeslinie

Bischof Wiesemann wendet sich in Osterpredigt gegen Verdrängung des Leides

Osterbild
Der Auferstandene
(Fresko im Dom zu Speyer)

Speyer (12.04.2009). Festliche Gottesdienste zogen am Karsamstagabend und am Ostersonntag tausende Gläubige in den Speyerer Dom. In der Osternacht, der Hauptfeier des Kirchenjahres, spendete Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann einem Kind aus der Dompfarrei das Sakrament der Taufe. Zu Beginn der dreistündigen Feier hatte der Bischof in der Domvorhalle am Osterfeuer die Osterkerze entzündet, Symbol für den auferstandenen Christus. Nach dem Einzug in den dunklen Dom wurde das Licht an die Gläubigen weitergegeben, deren brennende Kerzen die Kathedrale mit stimmungsvollem Glanz füllten.

Im Pontifikalamt am Ostersonntag, das auch Altbundeskanzler Helmut Kohl mitfeierte, bezeichnete der Bischof in seiner Predigt den christlichen Auferstehungsglauben als „alles durchdringende Kraft“, die selbst in Krisen und radikaler Gefährdung des Lebens Hoffnung und neuen Lebensmut schenke. Dabei kritisierte er die verbreitete Haltung, das Leiden zu verdrängen und die Krisen zu verschweigen, „weil man ja immer ein Siegertyp zu sein hat“.

Das Leben verliere seinen Sinn und seine Würde, wenn Schuld nicht eingestanden werden könne, Schwäche nicht zulässig sei, über den Tod nicht gesprochen werden dürfe und schon der Anblick eines Kranken, Entstellten oder Behinderten störe. „Kann das eine lebensfrohe, lebensbejahende Gesellschaft sein, die solche Todesschatten der Verdrängung in sich trägt – und sie, statt Verantwortung zu übernehmen, wie Abfall zu ‚entsorgen’ versucht?“, fragte der Bischof.

Der Christ sei durch die Taufe hineingetaucht in den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. „Durch die Taufe ist uns die Gewissheit gegeben, dass das Leben stärker ist als der Tod – und das macht die Zukunft offen und schenkt uns die Kraft zum Kampf. „Es ist eine geradezu unverschämte Positivität im Auferstehungsglauben, eine Lebensbejahung, ein Lebensmut, der aus einer Kraft jenseits der Todeslinie lebt – und alles entlarvt, was unser Leben klein, verzagt, mutlos oder auch großspurig, vergewaltigend, despotisch macht, und zur Würde der Kinder Gottes befreit“, betonte Bischof Wiesemann. Dabei dürfe allerdings nicht der Todesernst vergessen werden, ohne den das Osterfest zu einem nichts sagenden Frühlingsfest und die Taufe zu einem reinen Ritual würde.

„Wir müssen im wahrsten Sinne not-wendig durch die Taufe hindurch, um durch das Sterben mit Christus ins neue Leben zu gelangen“, erklärte der Bischof. Mit der Auferstehung Christi habe sich die Welt verändert. „Wir leben im neuen Leben. Gott hat es uns geschenkt, er eröffnet uns Tag für Tag neu die Chance, es zu entdecken.“ Dieses neue Leben komme von jenseits der Todeslinie und habe daher eine alles durchdringende Kraft. „Alles kommt darauf an, jenseits dieser Todeslinie des Lebens Leben zu finden: den Sinn, die Freude, die Wahrheit und den Mut, dafür zu kämpfen“, so der Bischof.

Musikalisch gestaltet wurde das Osterhochamt vom Domchor, dem Domorchester und dem Bläserensemble „Dom zu Speyer“, die unter Leitung von Elke Völker eine Messe von Joseph Haydn sowie weitere Werke von Brixi, Händel und Tournemire zu Gehör brachten. Text u. Foto: is

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